Wie Corona unseren Alltag in der Werkstatt verändert hat?

Ein Tagesablauf in einer Werkstatt für blinde und sehbehinderte mehrfachbehinderte Menschen aus der Sicht eines Beschäftigten.

Diese Zeit hat uns verändert.
Nun heißt es Abstand halten, Hände regelmäßig waschen und desinfizieren und Maske tragen.
Aber wie kommen blinde und sehbehinderte Menschen mit dieser besonderen Herausforderung zurecht?

Bevor wir den Arbeits-Tag beginnen, steht eine Fachkraft schon am Eingang der Werkstatt, um uns dabei zu unterstützen die Hände zu desinfizieren.
Bevor wir dann die Arbeit beginnen, müssen die Hände nochmal gewaschen werden.
Sitzen wir Beschäftigte dann am Arbeitsplatz, werden die Masken abgesetzt und wir bekommen von den Betreuern neue.
Die Masken vom Vortag werden dann von einem Betreuer ausgekocht.
Dies können nicht alle blinden Beschäftigten zu Hause.
Wir tragen die Masken auch zum Arbeits-Ende, da sie auch im Taxi getragen werden sollten.

Während der Arbeit ist es üblich, dass man zum Beispiel einen Wasch-Raum aufsucht.
Da wir blind und sehbehindert sind, sagen wir immer laut in der Gruppe Bescheid, damit andere Beschäftigte wissen, dass wir aufstehen und zum Wasch-Raum gehen.
Es kann immer nur ein Beschäftigter den Wasch-Raum nutzen.

Wenn die Frühstücks-Pause oder Mittags-Pause beginnt, gehen wir einzeln los und waschen uns die Hände.

Dann gehen wir am Handlauf-System Richtung Kantine.
Ein Betreuer unterstützt uns auf dem Weg den Abstand einzuhalten.
In der Kantine hat jeder einen festen Sitzplatz in 1,50 m Abstand zum nächsten Platz.
Es stehen nur so viele Stühle an den Tischen, dass dieser Abstand nicht unterschritten werden kann.
Wenn wir an unserem Essplatz sitzen, werden die Mahlzeiten und die Getränke durch die Betreuer an dem Platz serviert und das ist neu.
Es ist für uns nicht möglich an der Essens-Ausgabe die Abstands-Regelung korrekt umzusetzen.
Wenn die Mahlzeit beendet ist, werden wir einzeln aufgerufen, um die Hände zu waschen, so können wir sicher sein, dass wir die Abstände einhalten und nicht aneinander-stoßen.
Während wir alle in der Kantine sind, werden durch die Betreuer alle Tür-Griffe und Hand-Läufe in unserem Arbeits-Bereich und dem Flur desinfiziert.

Wir tragen auf allen Wegen innerhalb der Werkstatt unsere Masken.
Wir brauchen sie aber nicht am Arbeits-Platz zu tragen, da dort Trenn-Wände aufgestellt wurden.
Wir können oft im Innenhof spazieren gehen, dazu ermuntern uns die Betreuer auch immer wieder.
Nach dem Spaziergang haben wir am Eingang in den Arbeits-Bereich die Möglichkeit an einem Spender die Hände zu desinfizieren.

Manchmal ist es im Werkstatt-Alltag so, dass wir Arbeits-Kollegen oder Betreuer in anderen Arbeits-Gruppen besuchen.
Jetzt läuft es so ab: Wenn ich einen Betreuer oder Arbeits-Kollegen treffen möchte, muss ich vorher über das Gruppen-Telefon fragen, ob es möglich ist.
Wir wollen damit Ansammlungen von Personen auf den Fluren vermeiden.

Wir haben auch einen Pförtner.
Dieser muss natürlich auch geschützt werden.
Wenn ich zum Beispiel einen Schlüssel für einen Schrank brauche, dann rufe ich vorher an.
Der Pförtner legt ihn für mich in eine Box, die vor dem Fenster steht.
Ich nehme ihn dort raus. So kann das Pforten-Fenster geschlossen bleiben.
Auch die Rückgabe erfolgt kontaktlos über den gleichen Weg.

Wir betreiben mit Unterstützung durch eine Fachkraft auch einen Rollenden Kiosk.
Normalerweise ist es so, dass die Beschäftigten selbständig kaufen und bezahlen.
Aufgrund von Corona ist es so: der Beschäftigte sagt, was er kaufen möchte.
Die Ware wird dann in eine kleine Box gelegt und durch die Fachkraft kontaktlos neben den Arbeits-Platz des Beschäftigten gelegt.
Die Kosten für die Ware werden aufgeschrieben und einmal im Monat bei den Betreuern bezahlt.

Das Ende eines Arbeits-Tages läuft dann so ab:
die Beschäftigten desinfizieren sich die Hände, setzen die Masken auf und stehen auf.
Alle gehen nacheinander mit Abstand zum Werkstatt-Ausgang und auch zu den Fahrzeugen.
Mehrere Betreuer passen auf, dass die Abstände eingehalten werden.
Beschäftigte mit einer Gehbehinderung benutzen jetzt alle entweder einen Rollator oder einen Rollstuhl, damit es auf den Fluren nicht zu Ansammlungen kommt.
Hier tragen Betreuer immer und Beschäftigte, wenn es möglich ist, eine Maske.
Das Führen der sehbeeinträchtigten Beschäftigten hat sich jetzt auch so verändert, dass der Führende seinen Arm weit nach hinten hält und der Beschäftigte dann mit gestrecktem Arm den Oberarm ergreift.

Ich heiße Sascha Mysliwec und bin Delegierter der LAG Werkstatträte NRW
und Werkstattratsvorsitzender der Werkstatt des Lippischen Blinden- und Sehbehindertenverein e.V..

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